Fenster des Gedenkens

  • © Peter Rondholz
Cengaver Katranci |1:46 Min

Cengaver Katranci – Keine Hilfe für den 8-Jährigen

Es war der 30. Oktober 1972, als der 8-jährige Cengaver Katranci mit einem Freund auf der Böschung der Spree am Kreuzberger Gröbenufer spielte. Die beiden fütterten Schwäne, als Cengaver Katranci plötzlich das Gleichgewicht verlor und in das kalte Wasser stürzte. Der Freund informierte einen Angler, der den Jungen zum nahen Zollstützpunkt schickte. Er selbst hatte schon begonnen, sich zu entkleiden. Da wurde ihm bewusst, dass die Spree hier zu Ost-Berlin gehörte. Bei einem Rettungsversuch würde er sein Leben riskieren. Die DDR-Grenzposten könnten ihn als „Grenzverletzer“ erschießen. Der Angler sprang dem ertrinkenden Kind nicht hinterher. Inzwischen hatten die West-Berliner Polizei und die Feuerwehr das Spreeufer erreicht. Sie versuchten vergeblich, ein Tankschiff und ein DDR-Feuerlöschboot zur Rettung des Kindes zu bewegen. Wenig später traf ein Funkwagen der West-Berliner Polizei ein. Die Besatzung verhandelte mit einem Offizier der Grenztruppen auf der Oberbaumbrücke über die Bergung des Ertrunkenen. Zwei Taucher der West-Berliner Feuerwehr machten sich bereit. Die Erlaubnis, in das Grenzwasser zu springen, wurde ihnen jedoch verwehrt. 

Nach fast zwei Stunden traf schließlich ein Ost-Berliner Rettungsboot ein und ein Taucher barg das tote Kind. Am Abend erhielt die Mutter von Cengaver Katranci die Erlaubnis, mit zwei Verwandten nach Ost-Berlin einzureisen. Dort musste sie ihren Sohn im Gerichtsmedizinischen Institut der Charité identifizieren. Die Leiche wurde nach West-Berlin überführt und auf Wunsch der Mutter in Ankara bestattet.

Der Tod des 8-Jährigen führte zur Ankündigung des Berliner Senats, mit der DDR ein Abkommen über Hilfeleistungen bei ähnlichen Unglücksfällen in Grenzgewässern zu treffen. Eine entsprechende Regelung wurde erst 1975 gefunden. Bis dahin ertranken drei weitere Kinder in der Spree.