Tunnel-Nachzeichnung

  • © Gedenkstätte Berliner Mauer
Joachim Neumann |3:15 Min

„Wir haben quasi kaserniert im Tunnel gelebt“

Joachim Neumann über den „Tunnel 29“,
Interview 2001, GBM

Als wir eingestiegen sind, war der Tunnel wenige Meter lang. Ich weiß nicht mehr, ob es vielleicht zehn Meter waren, aber ich will mich nicht festlegen, es können auch sieben oder siebzehn gewesen sein. Es gab jedenfalls einen Schacht, der vielleicht drei Meter tief war. Dann ging ein Tunnel los, der als Dreieckprofil abgestützt wurde und sehr aufwendig verschraubt war. Wir haben gefragt, warum sie das so kompliziert machen. Erstens wäre dies der minimale Ausbruchquerschnitt und zweitens würde es mit dem Verschrauben am besten halten. Wir haben dann aber sehr schnell gemerkt, wenn wir so weitermachen, dass es viel zu lange dauert. Dann sind wir also auf ein Rechteckprofil übergegangen und haben das abgestützt und zwar mit der Methode, die die Kollegen vorher in der Wollankstraße schon angewendet hatten. Da war nur Rieselsand, sodass es dort mit dem Abstützen nicht gereicht hat. Aber die Methode war ganz praktisch. Oben war ein Balken, der quer lag und Aussparungen an den Seiten hatte, da wurden Stützen druntergestellt. In der Längsrichtung, von Balken zu Balken, wurden Bretter gelegt. Wenn alles so weit provisorisch hingestellt war, wurde mit einem normalen Autowagenheber das Ganze oben an die Tunneldecke gedrückt. Die Stützen wurden unterkeilt, sodass es richtig fest war. Das war wie in einem Bergwerk, wirklich einsturzsicher, denke ich mal. 

Wir haben dort zum Teil quasi kaserniert gelebt, also ein, zwei Wochen am Stück. Wir wollten den Rein- und Rausverkehr möglichst gering halten und sind nicht nach jeder Schicht nach Hause gefahren, sondern wir haben dort in einem Raum geschlafen. Soweit ich mich erinnere, waren wir immer vier bis fünf Leute in einer Schicht. Einer hat vorne gebuddelt, einer hat unten im Schacht gestanden und die Karre mit dem Ausbruchmaterial zurückgezogen und zwei haben die Karre hochgezogen. Dann musste das Zeug noch mit der Schubkarre im Keller verteilt werden. Wir waren vier oder fünf in zwei Schichten, eine Tages- und eine Nachtschicht. Meistens waren wir acht bis zehn Leute. Manchmal waren wir weniger, manchmal kam auch jemand am Wochenende dazu, der die Woche über arbeiten musste, oder es kamen welche, die nur die halbe Nacht gearbeitet haben, nach Feierabend von abends sechs bis morgens um zwei. Danach sind sie schnell noch ein paar Stunden schlafen gegangen. Soweit ich mich erinnere, hatten wir auch einen richtigen Schichtplan. Jeder wusste, wann er wo dran war. Wenn einer mal nicht konnte, musste Ersatz geschaffen werden.

Die Buddelei war recht gut organisiert. Wenn alles gut ging, war unser Ziel zwei Meter am Tag. Es durfte also nichts kaputtgehen und nichts Außergewöhnliches passieren. Wenn wir das erreicht haben, war es sehr, sehr gut. Meistens ist es irgendwo zwischen 1,50 und 1,80 gewesen. Zwei Meter war immer unser Ehrgeiz. Die Schicht, die wirklich zwei Meter geschafft hatte, war dann schon gut.